Rückkehrer-Interview mit Frau Prof. Dr. Christine Kanz, Universität Gent, Belgien.
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Christine Kanz ist seit Oktober 2010 Professorin für Neuere deutsche Literatur an der Universität Gent. Zuvor forschte sie als Gastwissenschaftlerin am „Center for the History of Emotions“ am Max Planck-Institut in Berlin. Seit 2003 lehrte sie als Gastprofessorin an unterschiedlichen Universitäten, u. a. an der University of California in Los Angeles sowie an der University of California in Berkeley. |
GSO: Frau Professorin Kanz, warum sind Sie ins Ausland gegangen?
CK: Ich hatte die Möglichkeit mit einem Feodor Lynen-Forschungsstipendium der Alexander von Humboldt-Stiftung an die Spitzenuniversität UC Berkeley gehen zu können. Das war eine tolle Möglichkeit nach neun Jahren als wissenschaftliche Assistentin in Deutschland und in der Schweiz konzentriert nun für längere Zeit an meiner eigenen Forschung zu arbeiten. Ich wollte zudem meinen wissenschaftlichen Radius vergrößern, mein Englisch verbessern und internationale Kontakte knüpfen. Diesen Aufenthalt konnte ich dann noch verlängern, weil ich zum einen das Angebot bekam, dort als Gastprofessorin zu lehren, zum anderen weil ich ein weiteres Stipendium erhielt, und zwar des Schweizerischen Nationalfonds. Später arbeitete ich dann noch anderen Universitäten in den USA, zuletzt 2009 für ein Jahr als Gast- und Vertretungsprofessorin in Los Angeles an der UCLA.
Seit wann sind Sie wieder in Deutschland?
CK: Ich bin letztes Jahr im Januar nach Deutschland zurückgekommen, weil ich die Aussicht hatte, am Max-Planck-Institut for Human Development in Berlin zu forschen. Dort besteht seit 2008 das „Center for History of Emotions“ unter Leitung der Historikerin Ute Frevert, die auch zuvor in den USA, in Yale, gelehrt hat und deshalb besonders offen für Rückkehrer aus den USA ist. Die Chance an einem so renommierten Institut zu forschen war sehr verlockend. Während meiner Zeit dort hat sich die Stelle an der Universität in Gent ergeben.
Können Sie Ihre Aufgaben an der Universität in Gent kurz beschreiben?
CK: In Gent habe ich eine Professur für „Neuere deutsche Literatur des 17. bis 21. Jahrhunderts“ inne. Dass die Wahl dabei auf mich fiel liegt nicht zuletzt daran, dass ich in so verschiedenen Ländern wie Deutschland, Schweiz, Österreich und den USA gearbeitet, also reichhaltige Erfahrungen in ganz verschiedenen Universitätssystemen gesammelt habe, die ich in Gent einbringe. Auch die Forschung nimmt einen großen Teil der Arbeit ein. Es gibt ein durchdachtes System der finanziellen Nachwuchsförderung an der Universität Gent: Die Finanzierung der Universität ist so organisiert, dass vier Artikel in Peer-Reviewed-Journals die Finanzierung eines einjährigen Doktorandenstipendiums ermöglichen. Jede Professorin und jeder Professor kann insofern mithilfe der eigenen Produktivität junge Forschende mit unterstützen.
Es klingt so, als lege das Institut viel Wert auf Internationalität. Beschäftigen Sie viele Doktoranden oder Post-Doktoranden aus dem Ausland?
CK: Das Institut, an dem ich arbeite, ist tatsächlich international ausgerichtet. Schon allein aufgrund der Sprachkenntnisse der Studenten, die grundsätzlich niederländisch und/oder französisch, ausgezeichnet deutsch und sehr oft gut englisch sprechen, herrscht ein großes Interesse an Internationalität. Es werden zahlreiche Doktorandenstipendien vergeben und viele Postdoc-Stellen ausgeschrieben. Dabei wird großer Wert auf Bewerbungen aus den USA und dem europäischen Ausland gelegt.
Auf welchem Weg haben Sie die neue Stelle in Gent gefunden?
CK: Ich habe Jobangebote auf Internetforen und Ausschreibungen in der Wochenzeitung „Die Zeit“ zur Kenntnis genommen und bin dadurch auf die Stelle in Gent aufmerksam geworden. Im März 2010 habe ich mich beworben, im Mai ‘vorgesungen‘, und im Oktober konnte ich bereits die Stelle antreten, es ging also alles ziemlich schnell.
Was war für Sie ausschlaggebend nach Deutschland bzw. Europa zurückzukehren?
CK: Dafür gab es mehrere Gründe. Ein fachlicher Grund war die Möglichkeit am Max-Planck-Institut in Berlin zu arbeiten. Außerdem wollte ich mittendrin sein: In Deutschland herrscht gegenwärtig in meinem Fach Literatur- und Kulturwissenschaften sehr viel Kreativität, Originalität und Interdisziplinarität vor. Einladungen aus Deutschland konnte ich aus zeitlichen und finanziellen Gründen nicht immer annehmen, was ich außerordentlich bedauerte. Wenn ich dann die Ankündigungen von Konferenzen und Workshops in Deutschland sah, dachte ich zunehmend: Da wäre ich jetzt gerne dabei – schade, dass ich so weit weg bin.
Nicht dass es in den USA keine originellen Köpfe gäbe, doch aus wirtschaftlichen und strukturellen Gründen ist es gegenwärtig so, dass die German Studies wie auch andere Foreign Languages und Literature Departments an vielen Universitäten in den USA verkleinert oder sogar ganz gestrichen werden und dass die übrigbleibenden Programme schon aus Gründen der Kapazität heraus sich eher an allgemeinen Interessen orientieren. Ein wichtiger weiterer Grund war, dass ein Grossteil meiner Familie in Deutschland lebt. Darüber hinaus spielte die höhere Lebensqualität in Europa eine entscheidende Rolle. Ich verbrachte sechs Jahre in den USA und hatte dabei das Glück an den interessantesten Orten zu leben, jedoch hat mir zunehmend die kulturelle Vielfalt gefehlt, oder auch eher alltägliche Dinge wie eine Innenstadt mit Cafés. Auch die sonstige Ästhetik des Alltags, die Architektur und Geschichtsträchtigkeit der europäischen Städte habe ich zunehmend vermisst. Sogar das Wetter in Deutschland hatte mir offensichtlich gefehlt, denn ich freute mich bei meiner Rückkehr im Januar 2010 sogar Regen und Schnee zu erleben. Die generell größere Reflexion, was Umwelt und Ressourcenverschwendung angeht und das allgemein größere soziale Bewusstsein der Menschen gefallen mir in Europa auch besser.
Welche Unterstützung haben Sie dabei aus Deutschland erfahren?
CK: Hilfreich für meine Rückkehr war sicherlich im Herbst 2009 der „Fit for Germany-Workshop“ der GSO in San Francisco. Die Informationen von Organisationen wie der GSO, GAIN und dem DAAD sind generell sehr zu empfehlen für eine erfolgreiche Rückkehr. Würden sie nicht immer wieder aktuelle Newsletter schicken oder auf ihre hilfreiche Unterstützung für eine Rückkehr aufmerksam machen, dann würde man sich nicht so viele Gedanken machen, was in Deutschland positiv ist, wie eine Zukunft hier aussehen könnte.
Ausschlaggebend war dann eine erneute Begegnung mit Ute Frevert, auf einer Tagung in Washington. Sie hat mir am Max-Planck-Institut eine Tür geöffnet. Die Offenheit des Max-Planck-Instituts und zuvor auch schon der KollegInnen der Marburger Universität, wo ich von den USA aus meine Habilitationsschrift eingereicht hatte, hat mich sehr unterstützt und in meiner Rückkehr nach Deutschland bestärkt.
Wie haben Sie die Eingewöhnung in die deutsche Institutsstruktur erlebt?
CK: Es war nicht sonderlich schwierig sich einzugewöhnen, schließlich hatte ich zwischendurch auch an der Leuphana-Universität Lüneburg und an der Philipps-Universität Marburg unterrichtet. Erleichtert wurde die Eingewöhnung dadurch, dass ich am Max-Planck-Institut nicht in einer rein deutschen Umgebung gearbeitet habe. Es war hilfreich, dass dort auch im Alltag meist Englisch gesprochen wurde und die Kolloquien und Vorträge auf Englisch waren. Dadurch war der Bruch mit den USA nicht so stark, es ging weiterhin international zu.
In welcher Hinsicht unterscheidet sich das deutsche und amerikanische Universitätssystem voneinander?
CK: Verallgemeinern sollte man das nicht, es gibt eine riesige Anzahl von Universitäten in den USA. Ich hatte das Glück an Spitzenuniversitäten wie UC Berkeley und UCLA zu arbeiten, dabei ist der Abstand zu anderen staatlichen Universitäten riesig. Ich habe hervorragende Forschungsbedingungen erlebt, mit wirklich ausgezeichneten Bibliotheken und Gastrednern aus der ganzen Welt an einem Ort, wo es nichts Besonderes ist, dass Judith Butler (Anmerk. d. Red. Philosophin und Philologin an der University of California, Berkeley) in aller Seelen- ruhe auf dem Fahrrad an einem vorbeiradelt. Dass man bereits während, zumindest aber direkt nach der Dissertation als gleichgestellte Wissenschaftlerin ernst genommen und respektiert wird und eigenständig forschen und arbeiten kann, ist in den USA selbstverständlich. Das war zum Beispiel ein gewaltiger Unterschied zu dem wissenschaftlichen Mitarbeitersystem, wie ich es aus Deutschland und der Schweiz kannte: Es war ein Gefühl der riesengroßen Freiheit in den USA. Endlich war ich nur für meine eigenen Arbeiten zuständig. Zusätzlich zu dieser Atmosphäre des gegenseitigen Respekts und der Selbständigkeit herrscht im akademischen Alltag in den USA auch eine flachere Hierarchie -- obgleich es natürlich auch hier Entscheidungsträger gibt, die den Ton angeben. Insgesamt geht es aber lockerer und vor allem humorvoller zu. Auf Tagungen ist der Ton grundsätzlich respektvoll und höflich, das alles hat mir gut gefallen. Am Anfang habe ich all das sehr genossen und habe mich frei gefühlt. Dieses Freiheitsgefühl hat jahrelang angedauert.
ForscherInnen in Deutschland und gerade im Fachbereich Literatur- und Kulturwissenschaften müssen sich demgegenüber allerdings nicht verstecken. Es gibt sehr viele ausgezeichnete Leute hier, die ungemein belesen sind, kreativ denken und originell sind. Originalität und Kreativität ist wirklich angesagt in Deutschland. Gleichzeitig wird alles höchst kritisch hinterfragt, das finde ich sehr positiv. Es herrscht eine große Forschungsvielfalt, und es passiert sehr viel. Während es in Berlin durchaus möglich wäre, an einem Tag nacheinander auf drei spannende Konferenzen zu gehen, ist dies in den USA, schon allein wegen der Größe und der Entfernungen, jedes Mal ein großer Zeit-, Energie- und Geldaufwand.
Was muss sich Ihrer Meinung nach ändern, damit der Standort Deutschland für Spitzenwissenschaftler wieder interessant wird?
CK: „Tenure-Track“ sollte auch an den deutschen Universitäten eine Selbstverständlichkeit sein, dadurch wird eine frühe Unabhängigkeit und Selbstständigkeit garantiert, nicht nur des Denkens, sondern auch finanziell. Ein weiterer Punkt ist die Anpassung an die Lebensrealität junger Akademiker und Akademikerinnen. Es muss die Möglichkeit für Paare geschaffen werden gemeinsam am selben Hochschulort zu forschen, also „Couple-Hiring“ muss in der Praxis ermöglicht werden. Die Grundgehälter müssen unbedingt angehoben werden. In Gent habe ich das Glück, dass dort die Regel herrscht, dass das letzte Gehalt zumindest nicht unterschritten werden darf. Das ist auch ein weiterer Grund für meine Entscheidung gewesen, die Stelle dort anzunehmen. Hinzukommt, dass es dort mehr Freiräume bei der Institutionalisierung von Regeln gibt. Zum Beispiel habe ich ausgehandelt, dass ich zukünftig zwischen Forschung und Lehre alterniere, also in einem Semester 75% Forschung betreibe und im nächsten Semester 75% Lehre, so kann ich mich beidem jeweils intensiver widmen. Ich würde mir mehr Verhandlungsspielraum und Flexibilität auch in Deutschland wünschen sowie die Offenheit und Bereitschaft sich andere funktionierende Universitätssysteme anzuschauen.
Zum Beispiel ist es in Ländern wie Belgien oder Dänemark selbstverständlich, dass man schon vor, spätestens aber direkt nach der Dissertation in Peer-Reviewed-Journals veröffentlicht. Und dass man hoch angesehen ist, wenn man im Team arbeitet und zusammen Aufsätze publiziert sowie Projekte anderer Forschergruppen betreut. Man zeigt dadurch schon früh Leadership-Qualitäten. Grundsätzlich wünschenswert in Deutschland wäre eine größere Offenheit für internationale Standards. Im Ausland werden zum Beispiel Co-Publikationen und peer reviewed Publikationen auch in meinem Fach schon länger hoch angesehen, in Deutschland wird das erst jetzt ernst genommen. Wichtig wäre außerdem, dass man schon in der Postdoc-Phase selbstständig und offiziell Doktor- und Masterarbeiten betreuen kann.
Welche Empfehlungen möchten Sie anderen Rückkehrern mit auf den Weg geben?
CK: Man sollte nie aufhören die Kontaktpflege nach Deutschland zu betreiben, auch wenn das oft sehr viel Energie und Geld kostet. Man sollte die Langstreckenflüge auf sich nehmen und zumindest einmal im Jahr Konferenzen in Deutschland besuchen. Über E-Mail ist es nicht schwierig Kontakte aufrecht zu erhalten. Man sollte sich alle Optionen offen halten und immer mehrgleisig fahren, auch wenn das anstrengender ist, als nur in einem Land Kontakte zu halten und an einem Ort zu arbeiten.
Sehr hilfreich ist es die Angebote von der GSO, dem DAAD, der Alexander von Humboldt- Stiftung und dem Deutschen Hochschulverband (DHV) zu nutzen. Die Seminare vom DHV sind wirklich weiterführend, sie sind zwar nicht ganz billig, aber man erhält viel Material, Tipps und Ermutigungen. Ist man dann richtig in Deutschland angekommen, sollte man unbedingt weitergeben, was man im Ausland und den anderen Universitätssystemen gelernt und erlebt hat. Man sollte dabei grundsätzlich zwischen geschlossenen und offenen Türen unterscheiden, vielleicht zunächst an die Orte und Institute gehen, die ohnehin bereits eine internationale Ausrichtung haben.
Frau Professorin Kanz, wir danken Ihnen herzlich für das Gespräch.
Das Interview mit Frau Prof. Kanz führte Karina Wolfsdorff am 04.01.2011 in Berlin.