Gespräch mit dem Rückkehrer Prof. Dr. Sebastian Conrad, European University Institute, Florenz.
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Prof. Dr. Sebastian Conrad hat drei Jahre am European University Institute in Florenz unterrichtet, bevor er im September 2010 an die Freie Universität Berlin zurückgekehrt ist. Dort lehrt er am Friedrich-Meinecke-Institut Neuere Geschichte. Er hat Geschichte, Japanologie und Volkswirtschaftlehre in Bonn und Berlin sowie in Japan, Osaka und Tokyo studiert. Nach dem Studium hat er zu der Frage, wie deutsche und japanische Historiker nach dem Ende des Faschismus und nach der Niederlage im Zweiten Weltkrieg die Geschichte ihres Landes neu interpretiert und umgeschrieben haben, an der FU Berlin promoviert. Anschließend hat er zunächst eine Assistentenstelle und dann eine Juniorprofessur an der FU Berlin übernommen und nebenher habilitiert. |
GSO: Was waren Ihre Gründe, ins Ausland zu gehen? Haben sich Ihre Erwartungen erfüllt?
SC: Ich erhielt im Jahr 2007 zwei Rufe, einen in die Schweiz und den anderen nach Florenz. Genaugenommen hatte ich schon in Florenz angefangen, als ich den Ruf in die Schweiz erhielt und ihn dann abgelehnt habe. In Florenz habe ich hervorragende Arbeitsbedingungen vorgefunden, ein internationales Umfeld und im Übrigen eine Konzentration auf die Graduierten-Ausbildung. Das besondere in Florenz war zudem, dass ich auch keinen Unterricht im BA- oder MA-Studiengang hatte, denn dort gibt es nur ein Doktorandenprogramm. Insgesamt sind das natürlich beneidenswerte und in mancher Hinsicht luxuriöse Bedingungen, die meine Erwartung teilweise übertroffen haben.
Welche Unterschiede zu Deutschland sind Ihnen im Arbeitsleben und im Alltag aufgefallen?
SC: Der wichtigste Unterschied im Arbeitskontext betraf die Internationalität: Unterricht auf Englisch, Doktoranden aus allen europäischen Ländern, Kollegen aus unterschiedlichen Ländern Europas und den Vereinigten Staaten. Das war ein Umfeld, in dem nicht erwartet wurde – wie häufig an historischen Fakultäten in Deutschland – dass man sich in erster Linie mit der Geschichte des eigenen Landes beschäftigte. Im Gegenteil, ein komparatives Interesse und eine gewisse Breite der Themen war hier von großem Vorteil. Das habe ich als sehr befreiend und bereichernd empfunden. Hinzu kommt der Austausch mit ganz unterschiedlichen Wissenschaftskulturen, mit anderen Fragestellungen und Perspektiven. Wie „deutsch“ die deutschen Hochschulen sind, merkt man erst so richtig mit einem Blick von außen.
Natürlich profitiert man auch im Alltag davon, in einer anderen Gesellschaft zu leben, eine andere Sprache zu sprechen und sich beispielsweise einen entspannteren Umgang mit den täglichen Herausforderungen anzugewöhnen. Da konnte ich durch meinen Aufenthalt in Italien sicherlich einige Erfahrungen sammeln, die für mich auch in Deutschland hilfreich sind.
Warum haben Sie sich entschieden, zurück nach Deutschland zu kommen? Bringt Ihnen der Wechsel auch Nachteile?
SC: Gewisse Nachteile ergeben sich bei jedem Wechsel. In meinem Fall sind das beispielsweise ein höheres Lehrdeputat, mehr Gremienarbeit, niedrigeres Gehalt und nicht zuletzt schlechteres Essen. Das kann man gar nicht leugnen – zumal in Zeiten der Exzellenzinitiative, der Drittmittelerwartungen, der erhöhten Anforderungen in der Lehre. In Florenz war ich nur für die Doktorandenausbildung zuständig und jetzt mache ich sie beinahe nebenher – die Unterschiede spürt man natürlich. Andererseits bietet die neue Position auch sehr viele Vorteile – etwa in Berlin die Möglichkeit, zusammen mit den verschiedenen Regionalwissenschaften etwas aufzubauen. Diese Möglichkeiten gäbe es gegenwärtig nicht an vielen anderen Orten.
Auf welchem Weg haben Sie die neue Stelle gefunden und welche Unterstützung haben Sie dabei aus Deutschland erfahren? Wie hat Ihnen die GSO geholfen?
SC: Auf die Stelle bin ich durch eine Ausschreibung in der ZEIT aufmerksam geworden. Die Freie Universität Berlin war dann in den Verhandlungen sehr entgegenkommend und auch sehr unkompliziert. Außerdem war die Unterstützung der GSO ein wichtiges Element für meine Entscheidung. Sie ermöglicht mir jetzt, ein schon lange gehegtes Vorhaben in die Tat umzusetzen: den Aufbau eines Doktorandenprogramms, das Universitäten in Ostasien sowie in den Vereinigten Staaten mit der FU Berlin vernetzt und so den transregionalen Austausch von Perspektiven auf die moderne Geschichte der Welt ermöglicht. Dieses Projekt ist jetzt schon erfolgreich angelaufen, inzwischen durch weitere Förderer unterstützt – so etwas hätte ich in Florenz kaum aufbauen können.
Wie haben Sie die Eingewöhnung in die deutsche Institutsstruktur erlebt?
SC: Ich war ja nicht so lange weg, dass ich bei der Rückkehr mit Unwägbarem rechnen musste. Man hat es mir auch sehr leicht gemacht, seitens der Kollegen und der Universität. Die Hierarchien hier sind manchmal etwas steiler, als ich es aus Florenz gewohnt war. Und ab und an sind die Studenten überrascht, dass die Mehrzahl der in meinen Seminaren diskutierten Texte auf Englisch verfasst ist. Insgesamt kann ich aber nicht von einem Kulturschock sprechen.
Was muss sich Ihrer Meinung nach ändern, damit der Standort Deutschland für Spitzenwissenschaftler wieder interessant wird? Oder ist er vielleicht schon interessant?
SC: Da muss man sicher nach unterschiedlichen Fächern und Disziplinen unterscheiden. In der Geschichtswissenschaft kann man nicht davon sprechen, dass deutsche Universitäten für die besten jungen Historiker nicht interessant wären. Klar, die hohe Lehrbelastung und die vielen zusätzlichen Projekte sind in gewisser Hinsicht schon ein Standortnachteil. Aber insgesamt ist das Niveau in der Geschichtswissenschaft hoch, und die Bedingungen sind gut.Neben der brain-drain-Problematik spielen aber zwei andere Fragen eine wichtige Rolle: Wie erreicht man es, dass die deutsche Forschung auch international wahrgenommen wird? Und wie kann die Personalstruktur internationalisiert werden? Momentan lehren an deutschen Universitäten so gut wie keine Historiker, deren erste Sprache nicht deutsch ist. Das schränkt aber die Vielfalt und Diversität im Fach stark ein.
Trotz aller Debatten um den Reformbedarf des deutschen Bildungssystems und des Wissenschaftsbetriebs: Was sollte sich besser nicht ändern?
SC: An deutschen Universitäten werden in den Geisteswissenschaften – nur darüber möchte ich mir ein Urteil erlauben – weiterhin sehr gute junge Forscher ausgebildet. Das zeigt sich etwa auch an den sehr vielen Nachwuchswissenschaftlern, die in den USA, in Großbritannien, aber auch in Holland oder Skandinavien schnell eine Stelle finden. Auch in Florenz habe ich gemerkt, dass unter den vielen Bewerbern die deutschen Kandidaten häufig zu den besten in ihrem Fach gehörten. Das Ausbildungsniveau ist nach wie vor hoch, und die guten Absolventen zeichnen sich – auch im internationalen Vergleich – durch die Fähigkeit zu selbständigem, analytischem Denken aus. An diesen Ansprüchen sollte auch weiterhin festgehalten werden.
Herr Professor Conrad, wir danken Ihnen herzlich für das Gespräch.
Das Gespräch führte GSO-Redakteur Stefan Collet in Berlin.